Biographie

Yuri Markowitsch Butsko wurde in der Stadt Lubny, Oblast Poltawa, in der Familie eines Armeeangehörigen geboren. Nach dem Krieg zog die Familie nach Moskau, wo er zunächst zur Musikschule ging, sich aber dann an der historischen Fakultät der Staatlichen Pädagogischen Universität Moskau immatrikulierte. Nach zwei Studienjahren verließ er die Universität, um sich erneut der Musik zuzuwenden. Nach Abschluss der Fakultät für Chorgesang der Musikfachschule „Oktoberrevolution“ immatrikulierte er sich an der Fakultät für Musiktheorie und Komposition des Moskauer Konservatoriums und studierte in der Kompositionsklasse von Sergei A. Balasanjan. 1966 schloss er das Konservatorium ab, dann auch die Aspirantur, und von 1968 an unterrichtete er Partiturlesen und Instrumentierung. Seine Lehrtätigkeit beendete er 2013 als Professor.

Yuri Butskos erste Werke, mit denen er Bekanntheit erlangte, entstanden bereits während seines Studiums am Konservatorium. Sie stehen im Geist der russischen musikalischen Klassik und folgen insbesondere der Tradition von Modest P. Mussorgski. Zu ihnen gehören die Oper für einen Solisten Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen nach Nikolai W. Gogol und die Kammeroper Weiße Nächte nach Fjodor M. Dostojewski. Eine Reihe von Werken aus den Jahren 1960 – 1970 entstand im Kontext der sogenannten „Neuen Welle der Folklore“ in der russischen Musik jener Zeit. Zu ihnen gehören die Kantaten Abend und Hochzeitslieder sowie das Oratorium Die Legende vom Pugatschow-Aufruhr (bisher nicht aufgeführt).

Diese beiden Richtungen behielt Yuri Butsko auch bei, als er sich bereits auf die Entwiсklung des Systems von Tonartenharmonie und Polyphonie konzentrierte. Dieses System gründet auf den Gesetzmäßigkeiten der altrussischen Monodie (Einzelgesang) des Kirchengesangs (Fundament ist eine 12stufige diatonische Tonreihe nach dem System der russischen mittelalterlichen Musik, in dem der jeweils erste Ton einer Dreierreihe vom nächsten um eine Quarte entfernt ist, woraus sich letztlich eine Reihe von zwölf aufeinanderfolgenden Tönen ergibt.) Das größte Werk in diesem Stil ist das Polyphonische Konzert. Zwölf Kontrapunkte für vier Tasteninstrumente, Chor und Schlaginstrumente über Themen altrussischer Kirchenmusik (Aufführungsdauer etwa 3,5 Stunden). Später wurden Elemente dieses Systems zum organischen Bestandteil der Musiksprache des Komponisten, und die altrussischen musikalischen Themen entfalteten sich frei in seinen Werken.

In den letzten zehn Jahren seines Lebens bevorzugte Yuri Butsko die große instrumentale Form. Er schrieb sieben Sinfonien sowie genrehafte Sinfonien/Suiten mit volksmusikalischem Ausgangsmaterial, Kammersinfonien, Konzerte für Soloinstrumente mit Orchester und kammermusikalische Zyklen. Bei den vokal-sinfonischen Werken dieser Jahre sind vor allem das Oratorium Liederbuch nach Gedichten von N. A. Kljujew und Кanon für einen Schrecklichen Engel (nach Texten von Iwan dem Schrecklichen) für Solisten, Chor und Instrumentalensemble hervorzuheben.

In verschiedenen Werken von Yuri Butsko finden sich wiederholt Themen des altrussischen Kirchengesangs, besonders oft als „Resultat“ oder „Schluss“ und überwiegend im Finale der zyklischen Formen, wenn auch nicht ausschließlich. In solchen Fällen, wenn sie sich also in einem vokal-instrumentalen Werk mit einem Thema oder einem Text verbinden, ist das vom Komponisten geschaffene „System“ besonders gut hörbar. An anderen Stellen scheint dessen Einfluss weniger auffällig, ist aber zweifellos in der Harmoniesprache des Komponisten, in den Prinzipien des Formenaufbaus sowie allgemein im Profil seiner Werke allgegenwärtig.

Bemerkenswerterweise griff Yuri Butsko, der gleichermaßen mit dem modernen Kirchengesang und den alten Traditionen vertraut war, in seinem Schaffen nicht direkt auf Formen der vokalen Kirchenmusik zurück. Er komponierte also keine musikalischen Zyklen als Liturgie, Nachtvesper und dergleichen. Ihm standen die Einschränkungen vor Auge, die dann entstehen, wenn die Erfordernisse des Kirchenkanons auf ein modernes künstlerisches Verständnis treffen. Wenn er also das Feld der kirchlichen Traditionen betrat, tastet er den „Gottesdienstcharakter“ seiner Kompositionen nicht an und vermied eine „dekorative“ Stilisierung der kirchlichen Tonsprache. Man kann sagen, dass er den Kirchengesang als einen vollkommenen, vielflächigen Kristall empfand, auf den das Licht mit unterschiedlicher Helligkeit und Färbung von verschiedenen Seiten fällt, dabei aber nie all das sichtbar machen kann, was in diesem Kristall verborgen ist.

Genau deshalb hat der Komponist immer wieder betont, dass die Kirchenmusiktonalität seines Polyphonischen Konzerts keinesfalls als „universelles oder totales System“ angesehen werden kann wie die Dodekaphonie, die serielle Technik u. a. Butskos „System“ ist sowohl mit der Welt, der es entstammt, als auch mit der Persönlichkeit des Komponisten untrennbar verbunden. Versuche, die angebotenen Prinzipien von Tonarten und Konstruktionen wahlweise als „Verfahren“ zu verändern, können zu keinem Ergebnis von Wert führen. (Derartige Versuche wurden unternommen.)

Ab Mitte der 1960er Jahre bis Mitte der 1980er Jahre arbeitete Yuri Butsko für Film und Theater, insbesondere für das Taganka-Theater (Bühnenmusik für die Inszenierungen Pugatschow, Die Mutter, Hamlet u. a.), das Mossowjet-Theater (Petersburger Traumbilder, Die Brüder Karamasow u. a.) sowie für Mosfilm (Fernsehserie Der Leidensweg nach Alexei N. Tolstoi, Musik zum restaurierten Kinofilm Das Fräulein und der Rowdy von Wladimir Majakowski u. a.)

Einige Werke von Yuri Butsko (vor allem die der großen Form) wurden noch nicht aufgeführt und verlegt.

Er starb am 25. April 2015 in Moskau.